Logistik in Indien: Der "Sleeping Giant" wacht auf

“Während die Planung in der Regel sehr durchdacht ist, mangelt es teilweise noch an der Qualität der Umsetzung. Allein aufgrund des starken Verkehrs müssen Straßen innerhalb weniger Jahre wieder ausgebessert werden.”

Bremen, 11.08.2021 – Christian Herzog, Indien-Repräsentant der BVL, berichtet in Gastvorträgen an der DAV regelmäßig über die Verkehrsinfrastruktur des Landes. Er glaubt, dass Indien noch viel Potenzial hat, das ausgeschöpft werden kann.

"Für viele deutsche Unternehmen kann Indien derzeit noch ein Rohdiamant sein, den man schleifen kann", sagt Christian Herzog, Indien-Repräsentant der Bundesvereinigung Logistik e.V., der Trägergesellschaft der DAV. "Das Land ist ein Sleeping Giant, der eine enorme Entwicklung durchmacht - vor allem in puncto Verkehrsinfrastruktur. Das birgt viele Chancen für deutsche Logistiker."

Herzog kennt Indien seit gut zehn Jahren, hat dort gelebt und gearbeitet, bevor er mit seiner indischen Frau nach Deutschland zurückkehrte. Derzeit ist er in Mönchengladbach als Global Account Manager im Bereich Europa, Mittlerer Osten und Afrika für den japanischen Logistiker Nippon Express Europe tätig. In Gastvorträgen für die DAV am Campus Bremen berichtet er von seinen Erfahrungen mit Indien. Über Formate wie dieses vermittelt die Hochschule dem akademischen Nachwuchs internationale Logistikthemen.

Schnelle Entwicklung unter Narendra Modi

"Als ich 2010 in Indien ankam, war die Infrastruktur noch sehr schlecht, vor allem die Züge für den Personenverkehr waren nicht nur total überfüllt, sondern auch ziemlich marode", so Herzog. "Die Entwicklung ging nicht wirklich voran, bis im Jahr 2014 Narendra Modi Premierminister wurde." Modi und sein Team setzten die Verbesserung der Infrastruktur weit oben auf die Agenda, und inzwischen wird landesweit sehr viel in Infrastruktur investiert: "Teilweise entstehen innerhalb weniger Jahre ganze Städte neu. Man kommt sehr gut voran und auch schnell", berichtet Christian Herzog.

"Aber während die Planung in der Regel sehr durchdacht ist, mangelt es teilweise noch an der Qualität der Umsetzung. Allein aufgrund des starken Verkehrs müssen Straßen innerhalb weniger Jahre wieder ausgebessert werden."

Um den Warenverkehr zu erleichtern, wurden Frachtkorridore eingerichtet. Sie stärken das "goldene Viereck" zwischen Neu-Delhi im Norden und Mumbai im Westen sowie Channal im Südosten und Kalkutta im Nordosten des Landes. "Auf den Zügen, die dort fahren, lassen sich zwei Container übereinander transportieren. Die Straßen sind für Lkw ausgelegt, um beispielsweise schnellstmöglich Ware aus der Hauptstadt Delhi in Richtung der Häfen in Mumbai zu bringen. Letztere werden massiv vergrößert, neue Projekte sind in Planung", erklärt Herzog.

Darüber hinaus würden auch Kleinstflughäfen gestärkt und die Binnenschifffahrt ausgebaut. Die Einführung eines einheitlichen Umsatzsteuersystems habe dafür gesorgt, dass die Infrastruktur besser genutzt werden kann, ferner komme es dadurch auch zu einer Veränderung für die Logistiker: Seien zuvor noch regionale Distributionszentren oder sogar lokale Lagerstätten die Regel gewesen, etablierten sich nun "Central Distribution Centres".

Transporte brauchen mehr Zeit: Trotz hoher Investitionen in die Infrastruktur ist das hohe Verkehrsaufkommen in den Städten schwer in den Griff zu bekommen

Nach wie vor gelte: "Alles ist überfüllt. Die Straßen sind verstopft, die Häfen und Flughäfen sind voll. Für Transporte muss man mehr Zeit einplanen." Vor allem die Städte bekommen den starken Verkehr kaum in den Griff. "Für zwei Kilometer Weg braucht man schon mal eine Stunde", berichtet Christian Herzog. Eine große Herausforderung ist auch den Monsun, der von Mai bis August auftritt: Das Abwassersystem ist überlastet, deshalb werden Straßen zweitweise überschwemmt - was ihre Substanz zusätzlich schwächt.

Als großen Pluspunkt sieht Herzog die vielen Universitäten des Landes: "Nachwuchskräfte und Unternehmertum werden stark gefördert. Es gibt sehr viel gut ausgebildetes Personal - zu deutlich niedrigeren Kosten als in Europa." Und kulturelle Hürden lassen sich seiner Erfahrung nach recht schnell überwinden: "So viel Offenheit und Hilfsbereitschaft wie in Indien habe ich sonst nirgends auf der Welt erlebt. Ich habe dort wirklich nur positive Erfahrungen gemacht." (BVL Magazin, Ausgabe 03/2019)

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